Amino Spiking: was es ist und wie du es am Etikett erkennst
Amino Spiking (auch Nitrogen Spiking oder Protein Spiking) ist ein Trick, bei dem ein Hersteller günstige freie Aminosäuren in Proteinpulver mischt. Auf dem Etikett zählen sie als Protein, du bekommst aber weniger von dem vollständigen Whey-Protein, für das du bezahlst. Erkennen kannst du es an freien Aminosäuren wie Taurin, Glycin oder Kreatin weit oben in der Zutatenliste, ohne dass ihr Gehalt einzeln angegeben ist, und an einem Proteingehalt, der für den Preis zu gut aussieht.
Diederik Smit, Internist und Endokrinologe, hat für den SupplementScore bislang 54 Produkte bewertet. Dieser Artikel fasst zusammen, wie der Trick funktioniert, woran du ihn erkennst und wie die Bewertung damit umgeht.
Kurz gesagt
- Die Standardmessung für Protein misst Stickstoff, nicht Whey. Freie Aminosäuren enthalten auch Stickstoff und zählen deshalb mit.
- Warnsignale: Taurin, Glycin, Kreatin oder L-Glutamin vorne in der Zutatenliste ohne eigene Mengenangabe; Isolat mit 90 % Protein zum Konzentratpreis.
- Offen deklariertes Extra-Leucin (etwa 3 Gramm pro Portion) ist kein Spiking, sondern ein bewusster Zusatz.
- Die SupplementScore zieht dafür Punkte ab; Maßstab sind 20 Gramm Protein pro Portion mit ehrlichem Aminosäureprofil.
Wie entsteht Whey, und warum hat es ein festes Aminosäureprofil?
Whey kommt aus Milch. Beim Käsen gerinnt das Casein, der größte Proteinanteil der Milch, und übrig bleibt Molke. Diese Molke wird gefiltert und aufkonzentriert zu Whey-Konzentrat. Filterst du weiter, bekommst du Isolat: mehr Protein pro 100 Gramm. Beide enthalten dasselbe Protein, nur in unterschiedlicher Konzentration.
Dieses Molkenprotein hat ein festes Verhältnis von Aminosäuren. Genau das macht es so wertvoll, sagt Smit: Alle essenziellen Aminosäuren sind enthalten, und es liefert reichlich Leucin. Leucin gibt über den mTOR-Signalweg den Startimpuls für den Muskelaufbau. Für dieses Profil bezahlst du. Was Konzentrat und Isolat sonst unterscheidet, liest du in Whey Protein oder Whey Isolat.
Was passiert beim Amino Spiking?
Whey ist teurer als freie Aminosäuren. Ein Hersteller kann also eine billige Aminosäure, zum Beispiel Taurin oder Glycin, zumischen und auf dem Papier denselben Proteingehalt erreichen. Der Grund liegt in der Messmethode: Protein wird als Stickstoff bestimmt (Kjeldahl-Methode) und mit dem Faktor 6,25 umgerechnet. Freie Aminosäuren enthalten ebenfalls Stickstoff. Das Etikett sagt dann 24 Gramm Protein pro Messlöffel, obwohl ein Teil davon kein Whey ist.
Dabei verschiebt sich das Profil: Von einzelnen Aminosäuren ist plötzlich viel mehr da, die Balance geht verloren. Smit fasst es so zusammen: Der Hersteller liefert nicht mehr das ideale Produkt, sondern verdient an der Differenz. Du merkst davon nichts. Der Shake schmeckt gleich und löst sich gleich. Du bekommst nur weniger vollständiges Protein, als die Zahl auf der Packung verspricht.
Ist das in Deutschland überhaupt erlaubt?
Verboten ist es nicht. Die Lebensmittelinformationsverordnung (LMIV, Anhang I) definiert Eiweiß für die Nährwerttabelle als Gesamtstickstoff nach Kjeldahl mal 6,25. Freie Aminosäuren fallen damit rechnerisch unter den Eiweißwert. Nahrungsergänzungsmittel sind rechtlich Lebensmittel, die Definition gilt also auch für sie. Solange die Aminosäuren in der Zutatenliste stehen, ist das Etikett formal korrekt. Irreführend wird es erst, wenn das Produkt als reines Whey beworben wird, obwohl ein Teil des Proteinwerts aus zugesetzten Aminosäuren stammt.
Für dich heißt das: Die Nährwerttabelle allein reicht nicht. Die Zutatenliste und, wenn vorhanden, die Aminosäuretabelle sagen mehr als die große Zahl vorne auf der Packung.
Woran erkennst du Amino Spiking auf dem Etikett?
Ein Labor brauchst du dafür nicht. Diese Punkte auf Zutatenliste und Nährwerttabelle reichen für eine Einschätzung:
| Signal | Was du siehst | Was es bedeutet |
|---|---|---|
| Freie Aminosäuren in den Zutaten | Taurin, Glycin, Kreatin oder L-Glutamin weit oben in der Liste, ohne eigenen Gehalt | Zählen als Protein, sind aber kein Whey |
| Kein Aminosäureprofil | Konzentrat oder Isolat ohne Tabelle pro Aminosäure | Nicht automatisch ein Problem, aber seriöse Marken zeigen das Profil |
| Zu gut für den Preis | Isolat mit 90 % Protein zum Preis eines Konzentrats | Frag dich, wo die Marge herkommt |
| Transparenter Zusatz | „Plus 3 Gramm Leucin pro Portion“ mit klarer Funktion | Kein Spiking: offen deklariert und mit Grund |
Der letzte Punkt ist für Smit der Unterschied: Wird gezielt Leucin zugesetzt und steht das so auf der Packung, hat das eine Funktion und ist in Ordnung. Das Problem ist der versteckte Zusatz, der nur die Produktion billiger macht.
Wie geht der SupplementScore mit Amino Spiking um?
Die Bewertung für Whey ist bewusst einfach: Es zählt die Menge Protein pro Messlöffel (20 Gramm als Maßstab) und ein ehrliches Profil. Amino Spiking kostet Punkte. „Das strafen wir ab, wenn wir das sehen“, sagt Smit. Er hat die Etiketten blind bewertet, ohne auf die Marke zu schauen. Bei den 54 bisher bewerteten Produkten kam es bei einigen Whey-Produkten vor.
Ein Etikett bleibt allerdings ein Versprechen, kein Beweis. Ob der Inhalt wirklich stimmt, zeigt nur eine Laboranalyse. Bis dahin gilt: Ein Produkt mit ehrlichem Profil und 20 Gramm Protein pro Messlöffel tut, was es soll, ob Isolat, Konzentrat oder Mischung. Teurer ist nicht besser. Danach darfst du nach Preis und Sorte wählen; unser Whey-Vergleich zeigt die aktuellen Preise pro Portion.
Häufige Fragen
Ist Taurin in Proteinpulver immer ein schlechtes Zeichen?
Nicht immer. Manche Hersteller setzen Taurin oder Glycin offen und in kleiner Menge zu. Kritisch wird es, wenn die Aminosäure weit vorne in der Zutatenliste steht, kein Gehalt angegeben ist und der Proteinwert für den Preis ungewöhnlich hoch liegt.
Betrifft Amino Spiking auch veganes Protein oder Casein?
Ja, das Prinzip funktioniert bei jedem Proteinpulver, weil die Stickstoffmessung überall dieselbe ist. Bekannt wurde der Trick vor allem bei Whey. Die Zutatenliste liest du aber bei jedem Pulver gleich.
Wie viel Protein sollte ein Whey pro Messlöffel haben?
Als Maßstab gelten rund 20 Gramm Protein pro Portion, bei einem Isolat auch 25 Gramm und mehr. Wichtiger als die Zahl ist, dass sie aus Molkenprotein stammt und nicht aus zugesetzten Aminosäuren. Welche Supplements sich sonst lohnen, liest du in Welche Supplements wirken wirklich.